SCAPES

SCAPES

mit Werken von Thomas Fissler, Peter Klitta, Mike Strauch und Juhana Moisander

verlängert bis zum 16. September 2012

Vernissage am Freitag, dem 15. Juni 2012, um 18 Uhr

Fr 14 – 18, Sa 12 – 16 Uhr, sowie jederzeit nach Absprache

Scapes ist ein etymologisch inkorrektes Wortspiel über Aspekte der Landschaft. Natürlich steckt Scapes in der englischen Landschaft – Landscape, obwohl es hier to shape – formen, bilden verpflichtet ist. Eigentlich entstammt Scape dem lateinischen Scapus – Blütenstiel, der in seiner Reinform auch im Englischen ein Stängel bar jeglicher Blätter ist. Organisches Material, wie es sich üppig wimmelnd in Mike Strauchs paradiesischen Landschaftsstücken wiederfindet. Sonnenbestrahlte, azurblaue Landschaften mit Kühlung bietenden Pools und weißen Gebäuden, die als Bildmotiv den Traum einer jeden Werbeagentur wiederspiegeln – DreamScapes bar jedweder Menschen. Sie sind romantische Versprechen im eigentlichen Wortsinn – unerreichbar – und thematisieren so die Flucht des modernen Menschen in eine Traumlandschaft, Eskapismus in eine heile Welt ewigen Sommers. Auch in dem englischen Wort eScape steckt die Silbe –scape, obwohl eScape dem französischen échapper – aus der Hand gleiten nicht erst seit der Französischen Revolution entsprungen ist.

Mike Strauchs Arbeiten kontrastieren zu den Werken von Juhana Moisander. In seinen Installationen, Videoarbeiten und Fotographien beschäftigt der finnische Künstler sich mit Vergänglichkeit und der Gegenwart des Vergangenen. Verstorbene, Legenden oder vergangene Ereignisse erfahren durch ephemere Projektion eine physisch flüchtige Präsenz (échappante), die die Gegenwart des Ortes bestimmt. Diese Spektren, die dem Auge des Betrachters zu entgleiten drohen, determinieren die Atmosphäre des Raumes, die auf diese Weise zwischen warmer Vertrautheit und dunklem Grauen oszilliert. In der Serie kiiras manifestiert Moisander die Präsenz des Todes in der finnischen Landschaft als Übergang oder Purgatorium zwischen den Welten. In der Arbeit meeting erwartet der Protagonist den verschwommen herannahenden Tod in einer schneebedeckten Landschaft, die sich in Nichts aufzulösen scheint – Landschaft als Spiegel menschlicher Existenz.

Auch Peter Klitta thematisiert in seiner Serie Eis Menschen, die in eisiger Landschaft agieren. Er greift in seinen Arbeiten auf Fotographien historischer Expeditionen in Gebiete zurück, die ihre Teilnehmer an den Rand ihrer Existenz führten. Diese Eislandschaften – IceScapes sind Metaphern menschlichen Daseins, dessen Wesen intrinsisch von der Isolation des Individuums geprägt ist. In eisiger Umgebung wird die Fragilität des Lebens offenbar. Peter Klitta vermag es, in brillanter Weise die Materialität von Wasser in allen Aggregatzuständen wiederzugeben, und diese beinahe haptische Präsenz, metaphorisch zu nutzen.

In der englischen Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts entwickelte sich eine Nomenklatur für bie unterschiedlichen topographischen Bedingungen: CityScapes, SeaScapes oder auch luftige CloudScapes – IceScapes gehörten noch nicht dazu. Man verzichtete auch der Einfachheit halber des Öfteren auf das Präfix und sprach – etymologisch inkorrekt – von Scapes. Heute wird das Suffix in verschiedensten Kombinationen genutzt, wie DigiScapes, RuneScapes, PhotoScapes usw. In der Ausstellung Scapes verkörpern Thomas Fisslers Stereodisplays im wörtlichen Sinn die Doppeldeutigkeit der LandScape, in dem es sie de facto zweimal gibt. Erst der Blick durch die Stereoskopiebrille ermöglicht es dem Betrachter, die Gesamtheit der virtuellen Räume des Künstlers wahrzunehmen. Durch die Kombination digitaler und hyperrealistisch, präzis wiedergegebener oder bewusst verzerrter Elemente von tatsächlichen Landschaften oder Objekten bilden sie virtuelle Welten, die den Betrachter gleichermaßen faszinieren wie durch ihre Verfremdung irritieren. Thomas Fisslers Werke sind Raumarbeiten, für die man den Begriff Spatial Scapes oder besser Virtual Scapes schaffen möchte.

Claudia Schönfeld